27.03.2001

Famoudou Don Moye, John Tchicai, Hartmut Geerken - The African Tapes

von Eckhard Fürlus

The African Tapes

Der Reiz der auf diesen zwei CDs zu hörenden Musik liegt vor allem in der Verbindung urpsrünglicher Wurzeln des Jazz mit seinen jüngsten Trieben.

Nun sind sie also da. Nachdem 1999 die während des Athener PRAXIS Festivals entstandenen Aufnahmen von Famoudou Don Moye, John Tchicai und Hartmut Geerken veröffentlicht wurden - dieses Konzert bildete den Abschluß der 1985er Drei-Länder-Tournee -, liegen jetzt die dem Athener Auftritt des Trios vorausgegangenen Live-Mitschnitte der Afrika-Konzerte als 2 CD Set vor. Eine fünfwöchige Tournee führte die Gruppe damals durch die Häuptstädte von Sierra Leone, Liberia und Guinea - Freetown, Monrovia und Conakry -, aber auch in kleinere ländliche Gegenden, in denen sie mit ortsansässigen Musikern zusammenspielte.

Konzerte amerikanischer oder europäischer Jazzmusiker wie die von Don Cherry zu Beginn der 80er Jahre sind eher selten auf dem afrikanischen Kontinent. So gehört denn auch das Konzert des Trios in Guinea zu den ersten Begegnungen dieses Landes mit modernem Live Jazz. Es ist der Initiative des früheren Botschafters von Sierra Leone, Christian Nakonz, zu verdanken, daß diese Konzertreihe überhaupt stattfinden konnte.

Den Auftakt zu dieser Tournee bildet das Konzert in der Halle der Britischen Botschaft von Freetown am 9. April 1985. Dies ist auch das erste Mal, daß Geerken, Moye und Tchicai als Trio auf der Bühne stehen. Das Trio - das sind John Tchicai, Tenorsaxofon, Gesang, Percussion, Kettle drum, Famoudou Don Moye, Percussion, Schlagzeug, Pfeifen, Glocken, Gesang, Congas, und Hartmut Geerken, Percussion, Pfeifen, Glocken, Horn, Ballons, Chinesischer Gong, Kuhglocken und eine ganze Anzahl anderer Instrumente. Auf diesen beiden CDs spielen sie vorwiegend Eigenkompositionen, aber - neben einigen Traditionals - auch Stücke von Albert Ayler und Charlie Parker. Milo Jazz, sieben Musiker der National Dance Group von Sierra Leone, begleiteten das Trio für mehrere Tage auf ihrer Tournee und sind auf mehreren Aufnahmen zu hören.

  • Tchicai, Geerken - Athens 1985

John Tchicai, afro-dänischer Musiker, wurde 1936 in Kopenhagen, Dänemark, geboren. In den frühen 60er Jahren gehörte er zu den wichtigsten Protagonisten des avantgardistischen Jazz in New York. Bereits als Kind erhielt Tchicai Violinunterricht, bevor er mit 16 Jahren das Altsaxofon für sich entdeckte. In den 60er und 70er Jahren erweiterte er sein Spektrum um Bassklarinette und Sopransaxofon, um sich ab etwa 1980 immer mehr dem Tenorsaxofon zu widmen. Während seiner New Yorker Jahre von 1962 bis 1966 spielte er elf Schallplatten ein, u. a. Mohawk und Ascension mit John Coltrane und New York Eye and Ear Control mit Albert Ayler. Tchicai ist Mitbegründer der New York Contemporary Five und dem New York Art Quartet. Seine Musik, eine Gratwanderung zwischen Komposition und Improvisation, ist inspiriert von Komponisten wie Béla Bartók, Charles Ives, Dmitrij Schostakowitsch und Igor Strawinsky und verwoben mit afrikanischen und orientalischen Einflüssen und der Minimal music.

Zu den Musikern, mit denen John Tchicai zusammengearbeitet hat, gehören neben den bereits erwähnten John Coltrane und Albert Ayler auch Carla & Paul Bley, Dollar Brand, Peter Brötzmann, Don Cherry, John Lennon & Yoko Ono, Lee Konitz, Misha Mengelberg, Niels-Henning Ørsted Pedersen, Archie Shepp und Cecil Taylor, um nur einige zu nennen.

Hartmut Geerken kennt man vor allem als Autor diverser Hörspiele, eines voluminösen Kant Buches, als Generator von Lautdichtung, Salomo Friedlaender/Mynona-Experte und Sun Ra-Maniac, -Biograph und -Diskograph und vergißt darüber, daß er ja eigentlich Musiker ist. Als Pianist ist er Schüler von Alois Kontarski. Sein Werkverzeichnis listet ein im November 1953 vom SWF Studio Tübingen mitgeschnittenes öffentliches Rundfunkkonzert - Bartóks Mikrokosmos - auf. In Ägypten formierte Geerken das Cairo Free Jazz Ensemble Heliopolis, von dem Aufnahmen aus den Jahren 1970 und 1971 vorliegen, darunter die Music for Angela Davis. Seine Zusammenarbeit mit John Tchicai geht zurück auf das Jahr 1980, als sie die LP Continent einspielten. Mit Famoudou Don Moye produzierte Geerken 1984 das Hörspiel hexenring für den Bayerischen Rundfunk. Zwei weitere Hörspiele, null sonne und no point sind mit dem Art Ensemble of Chicago 1996, wiederum für den Bayerischen Rundfunk, entstanden.

Der Reiz der auf diesen zwei CDs zu hörenden Musik liegt vor allem in der Verbindung urpsrünglicher Wurzeln des Jazz mit seinen jüngsten Trieben. Wo immer die Möglichkeit bestand, haben Moye, Tchicai und Geerken die Gelegenheit zu spontanem Zusammenspiel mit afrikanischen Musikern genutzt. Die Erlebnisse und Erfahrungen, die sie dabei gemacht haben, werden im Begleitheft geschildert und sind in dem Buch motte motte motte von Hartmut Geerken ausführlich dokumentiert. Wenn Musik gefährlich sein soll in dem Sinne, daß ihr, um wahr zu sein, der Reiz der Reibung innewohnen muß, wie es Ingo Metzmacher jüngst postulierte, als er über Crossover- und Jazzkonzerte sprach und Miles Davis und Karlheinz Stockhausen in einem Atemzug nannte, dann ist sie es hier.