"Ich hoffe auf die baldige Durchsetzung der zweiten Stufe der Rechtschreibreform:
Ihre Abschaffung."
Dr. Olaf Nüsser,
Köln / FAZ 16.09.97, S. 16
Der Freie Deutsche Autorenverband FDA, Landesverband Berlin, hat am 27. Januar 2005 nach einem Vortrag zur Rechtschreibreform und anschließender Diskussion mit den anwesenden Mitgliedern beschlossen, alle FDA-Landesverbände aufzufordern, sich gegen die Durchsetzung der Rechtschreibreform zu wenden, die ab 1. August 2005 als verbindlich erklärt werden soll, und die Bemühungen des Münchener Rates für Rechtschreibung zu unterstützen, die Reform wegen ihrer Auswirkungen auf die deutsche Sprache zurückzunehmen. Zur Begründung des Vorschlages und als Basis für eine Positionierung der FDA-Landesverbände übergab der Vorstand des Landesverbandes Berlin den Vortrag von Eckhard Fürlus der Präsidentin Prof. Dr. Ilse Nagelschmidt. Nachfolgend eine Kurzfassung.
Gegensätze in der Ortographie unüberwindbar
Im Vierten Bericht sowie im ergänzenden Bericht der Zwischenstaatlichen Kommission für deutsche Rechtschreibung vom 18. Mai 2004 wird u. a. festgestellt und festgelegt:
"Im Vorfeld haben Vertreter der Kultusministerkonferenz im März, April und Mai 2004 Gespräche mit der Deutschen Akademie für Sprache und Dichtung und der Zwischenstaatlichen Kommission geführt. Dabei wurde deutlich, dass der 4. Bericht an der Neuregelung geäußerte Kritik aufnimmt. Die Gespräche haben weiter gezeigt, dass die Vertreter der Akademie und der Zwischenstaatlichen Kommission sich in Teilen der Diagnose der Sprach- und Orthografieentwicklung einig sind. Sie haben aber auch gezeigt, dass hinsichtlich des Verständnisses von Genese und Struktur orthografischer Normen derzeit nicht überwindbare Gegensätze bestehen. Gleichwohl haben diese Gespräche noch einmal zu Umformulierungen im Kapitel 'Getrennt- und Zusammenschreibung' des Regelwerks geführt, die Kritik von Mitgliedern der Akademie berücksichtigen Die Änderungen treten mit Ablauf der Übergangszeit zum 01.08.2005 in Kraft. Durch die hier vorgenommenen zusätzlichen Änderungen werden – mit unwesentlichen Ausnahmen – keine der bisher unterrichteten Schreibweisen falsch, und es können alle Schulbücher, die der Neuregelung bisher schon folgen, weiter benutzt werden. Die Kultusministerkonferenz ist der Auffassung, dass die Entwicklung des Schriftgebrauchs zukünftig über einen längeren Zeitraum hinweg zu beobachten ist. Sie hält einen Zeitraum von 5 Jahren für angemessen, nach dem eine weitere Berichterstattung hierzu erfolgen sollte."
"Die Bevölkerung war dagegen, der Bundespräsident war dagegen, der Bundeskanzler war dagegen, die meisten Parlamentarier waren dagegen, die Schriftsteller waren dagegen, die Deutsche Akademie für Sprache und Dichtung war dagegen, die meisten Germanisten waren dagegen – und doch haben die Kultusminister die Reform der Rechtschreibung durchgesetzt, ohne daß ein einziges Landesparlament darüber abgestimmt hätte."
Kurt Reumann, FAZ 27.11.2000
Gegen alle Vernunft?
Im August 2004 forderten 37 Mitglieder der Berliner Akademie der Künste und der Deutschen Akademie für Sprache und Dichtung die Rückkehr zur bewährten Rechtschreibung. In einer "Weimarer Erklärung", die Günter Grass, Wulf Kirsten, Michael Krüger, Reiner Kunze, Vicco von Bülow, Siegfried Lenz, Arnold Stadler und andere unterzeichnet hatten, empfahlen die Schriftsteller als vernünftigsten Weg aus der verfahrenen Situation "eine völlige Rücknahme der überflüssigen, inhaltlich verfehlten Rechtschreibreform".
In einem Artikel der Frankfurter Allgemeinen vom 27. September 2000 über das Zustandekommen der Reform schrieb Kurt Reumann: "Die Bevölkerung war dagegen, der Bundespräsident war dagegen, der Bundeskanzler war dagegen, die meisten Parlamentarier waren dagegen, die Schriftsteller waren dagegen, die Deutsche Akademie für Sprache und Dichtung war dagegen, die meisten Germanisten waren dagegen – und doch haben die Kultusminister die Reform der Rechtschreibung durchgesetzt, ohne daß ein einziges Landesparlament darüber abgestimmt hätte."
Der Schriftsteller Hans Magnus Enzensberger bezeichnete die Kultusministerkonferenz, berufen, "die gröbsten Unstimmigkeiten der Reform zu beseitigen", als "Mafia". Funktionäre, Didaktiker und Agenten des Duden-Monopols, die sich "anmaßten, über die Rechtschreibung als geheime Kommandosache zu verfügen", so Enzensberger in der Frankfurter Allgemeinen vom 26. Juli 2004, seien "kein Verfassungsorgan. (...) Autoren, Linguisten, Gelehrte aller Fakultäten haben seit Jahren die Idiotie dieser verordneten Reform decouvriert. Inhaltlich ist dazu nichts Neues mehr zu sagen. Politisch bemerkenswert ist jedoch die Unbelehrbarkeit der ministerialen Ignoranten und die Feigheit derer, die ihnen auf die servilste Art und Weise gehorchen."
Alles nur eine Frage der Zeit?
Um eine schriftliche Stellungnahme hatte der Autor dieses Beitrages beim Bibliographischen Institut in Leipzig vergeblich nachgefragt. Der Verlagsleiter der Dudenredaktion, Herr Dr. Matthias Wermke, sandte per e-Mail folgende Feststellungen:
"Die Neuregelung von 1996 funktioniert im Großen und Ganzen. Auch aus den Schulen ist zu hören, daß die Vermittlung im Unterricht kein Problem sei. Die Neuregelung ist kein Bruch mit der Schreibtradition. Das Schreiben nach den neuen Regeln führt auch nicht zu Verständnisschwierigkeiten, zumal sich die Bedeutung der Wörter nicht allein aus ihrer Schreibung, sondern noch vielmehr aus dem Kontext, in dem sie stehen, ergibt.
Die neue Rechtschreibung wird seit 1996 unterrichtet. 70 % der Unternehmen haben sich umgestellt. Zeitungen und Zeitschriften halten sich (mit den bekannten Ausnahmen) an die Neuregelung; ein Großteil der populären Sachbuchliteratur erscheint in neuer Rechtschreibung (...). Die Schul-, Kinder- und Jugendbuchproduktion ist praktisch komplett in neuer Rechtschreibung verfügbar etc.
Auch wenn Publikumsbefragungen noch immer auf eine gewisse Ablehnung bei der älteren Generation hinweisen, ist die neue Rechtschreibung längst Teil unseres Alltags. Mit jedem Schülerjahrgang, der jetzt die Schulen verläßt, wird sie sich weiter durchsetzen."
Dem steht entgegen, daß Mitte 2004 sich laut Umfragen die Riege der Reform-Verweigerer auf vier Fünftel der Deutschsprechenden erhöht hatte. Lediglich 13 bis 32 Prozent würden laut Emnid und Allensbach der neuen Rechtschreibung zustimmen. Die Rechtschreib-Reformer, schreibt Inka Bohl in einem "Der Riß durch unsere Sprache" überschriebenen Beitrag für die Zeitschrift "Der Literat", mißachteten somit allen Ernstes die Demokratie. Der Bundestag hatte am 26. März 1998 festgestellt hatte: "Die Sprache gehört dem Volk." Und das Bundesverfassungsgericht stellte in einem Urteil vom 14. Juli 1998 fest: "Die Rechtschreibung beruht im deutschen Sprachraum nicht auf Rechtsnormen, sondern auf sprachlichen und damit außerrechtlichen Regeln, die auf Akzeptanz angewiesen sind." Die Ablehnung der Rechtschreibreform durch die Bevölkerung blieb allerdings folgenlos.
"Die deutsche Sprache hatte keine Rechtschreibreform nötig, schon gar nicht diese vollständig mißratene, [...]"
Elfriede Jelinek
"Wir sind keine Mitmacher"
Unter dieser Überschrift veröffentlichte die Frankfurter Allgemeine Zeitung am 22. Oktober 2004 auf der ersten Seite einen Brief der Literaturnobelpreisträgerin Elfriede Jelinek an die Deutsche Akademie für Sprache und Dichtung. Die Schriftstellerin hatte darin ihre Kolleginnen und Kollegen zum Boykott des geplanten Rates für deutsche Rechtschreibung aufgerufen. Im Aufruf von Elfriede Jelinek heißt es:
"Die deutsche Sprache hatte keine Rechtschreibreform nötig, schon gar nicht diese vollständig mißratene, und sie braucht auch keine Schriftsprachkammer, die den Kultuswarten der Länderregierungen unverbindliche Vorschläge zur behutsamen Anpassung des von seinen Autoren (hier tatsächlich getrennt zu schreiben:) so genannten amtlichen Regelwerkes an die grammatische Realität macht. Und wir können, wir dürfen uns an dieser bürokratischen Anmaßung nicht beteiligen, weil die Einladung an uns nur dazu dient, uns und unsere Vereinigungen zu kompromittieren. Wir, jedenfalls die allermeisten von uns, sind keine Mitmacher dieser Reform. Wir sind nicht irgendwelchen Autoritäten, die uns etwas 'vorschreiben' wollen, hörig, und wir sind auch nicht auf Kompromißsuche. Zweitbeste Lösungen sind nicht unsere Sache, weil wir Perfektionisten der Sprache sind. Deshalb möchte ich Sie bitten, das Angebot der Minister auszuschlagen."
"Wir sind auf dem Wege, unser wichtigstes Kommunikationsmittel so zu vereinfachen, daß es in einigen Generationen genügen wird, sich grunzend zu verständigen"
Vicco von Bülow (Loriot)
Neue Mauer - quer durch die Sprache?
Gegner der Rechtschreibreform hatten am 21. August 2004 in München einen "Rat für deutsche Rechtschreibung" gegründet. Zum Vorsitzenden wurde der Münchner Publizist Hans Krieger gewählt; zu den Ehrenmitgliedern gehören unter anderen Elfriede Jelinek, Günter Grass, Hans Magnus Enzensberger, Wulf Kirsten, Günter Kunert, Reiner Kunze, Siegfried Lenz, Marcel Reich-Ranicki und Vicco von Bülow. Gründungsmitglieder sind der Weilheimer Deutschlehrer Friedrich Denk und der Sprachwissenschaftler Theodor Ickler von der Universität Erlangen-Nürnberg, zwei streitbare Gegner der Reform, sowie der Schweizer Gymnasiallehrer Stefan Stirnemann und der Geschäftsführer der IG Autorinnen Autoren in Wien, Gerhard Ruiss.
Einen Rat für deutsche Rechtschreibung hatte eigentlich schon die Kultusministerkonferenz für den Herbst angekündigt – der sollte die Arbeit der Zwischenstaatlichen Kommission für deutsche Rechtschreibung fortsetzen und auch Reformgegnern Möglichkeit zur Mitarbeit bieten. Mit der Gründung und der absichtlichen Namensgleichheit zum KMK-Rat kommen die Vereinsgründer unter Leitung von Hans Krieger der Kultusministerkonferenz zuvor, die noch über Aufgaben und Zusammensetzung ihres geplanten Rates berät.
"Wir repräsentieren die Mehrheit der Bevölkerung", hieß es in München. Dort sprach man den Kultusministern das Recht ab, "eine weitere Rechtschreibkommission zu berufen, deren einzige Aufgabe es sein kann, das offenkundige Scheitern der Rechtschreibreform hinauszuzögern". Nach eigenen Angaben will sich der Rat für die Wiederherstellung der alten Rechtschreibung einsetzen, weil die Rückkehr zur alten Rechtschreibung der einfachste und wirtschaftlich vernünftigste Weg zu einer zweckmäßigen Orthographie sei.
"Das Schisma", schrieb Fritz Göttler in der Süddeutschen Zeitung vom 23. August 2004, "scheint perfekt, es könnte also in Zukunft zwei Orthographien geben - oder eine Orthografie und eine Orthographie? - und zwei Räte. Und guter Rat scheint teurer zu sein denn je zuvor."
Auch Vicco von Bülow hat sich gegen die Reform der Rechtschreibung gewandt und in einem Beitrag für die "Bild"-Zeitung geschrieben: "Wir sind auf dem Wege, unser wichtigstes Kommunikationsmittel so zu vereinfachen, daß es in einigen Generationen genügen wird, sich grunzend zu verständigen". Die Behauptung, es gäbe wichtigere Probleme als die Schreibregeln, nannte von Bülow empörend: "Das hat man vor einigen Jahren auch gesagt, als es um den Umweltschutz ging. Heute wissen wir, daß unsere Welt nur zu retten ist, wenn wir die Grundlagen unserer menschlichen Existenz nicht fahrlässig aufs Spiel setzen. Dazu gehört in erster Linie die Verständigung unter den Menschen durch Schrift und Sprache, die uns seit Jahrhunderten begleitet."
[...] und endlich einzusehen, daß in der Rechtschreibung nicht alles lückenlos normierbar ist, weil Sprache lebendig ist und sich entwickelt [...]
Horst Haider Munske, Frankfurter Allgemeine 17.12.2004
Reform im Selbstwiderspruch gefangen
Der Germanist und Sprachwissenschaftler an der Friedrich-Alexander-Universität Erlangen-Nürnberg, Horst Haider Munske, bilanziert in der Frankfurter Allgemeinen vom 17. Dezember 2004:
"Die meisten Schriftsteller und belletristische Verlage, viele Fachverlage und zahlreiche Zeitungen weigern sich, die für Schulen verordneten Regeln anzuwenden. Bei den Schülern herrscht Verwirrung, bei den Lehrern Frust. Die Mehrzahl der Bürger war nie für eine Rechtschreibreform, sie erduldet sie nur. Die Geltung deutscher Schriftkultur im Ausland und bei uns selbst ist bedroht. Und schließlich kommt eines hinzu, was bisher kaum bedacht wurde: Computer und Internet haben die Welt schriftlicher Kommunikation grundlegend verwandelt. Rechtschreibung muß in erster Linie den Ausdrucksbedürfnissen professioneller Schreiber und von Millionen Lesern gerecht werden, nicht den Schreiblernern und den Wenigschreibern."
Für die Lösung der verfahrenen Situation in Sachen Rechtschreibreform machte der Vorsitzende des Rats für Rechtschreibung, der Münchner Publizist Hans Krieger, den folgenden Vorschlag: "Der richtige Weg kann nur sein, das 'Sprachgefühl' und die Orientierung am Bedeutungsverständnis zu rehabilitieren und endlich einzusehen, daß in der Rechtschreibung nicht alles lückenlos normierbar ist, weil Sprache lebendig ist und sich entwickelt (...) Es war das Geburtsübel der Reform, daß in den vorbereitenden Kommissionen nicht Sprachforscher und Praktiker der Schreibkunst den Ton angaben, sondern Didaktiker, die ganz auf die Lernprobleme von Schreibanfängern fixiert sind und für die Bedürfnisse der literarischen Kultur weder Gespür noch Interesse haben. Und ein grober Mißgriff war es, mit der Überprüfung und eventuellen Nachkorrektur der Reform im wesentlichen die gleichen Leute zu beauftragen, die sie ausgeheckt hatten. Die scheinbare Erfolgsbilanz der Zwischenstaatlichen Kommission ist in Wahrheit ein Dokument der Inkompetenz und Uneinsichtigkeit. Mit der Tatsache, daß viele Neuschreibungen ungrammatisch sind, hat sich die Kommission überhaupt nicht auseinandergesetzt. Den Vorwurf, daß zahllose Wörter und Bedeutungsunterscheidungen beseitigt wurden, also Wortbildungsprozesse rückgängig gemacht wurden und damit die Sprachentwicklung rückwärts gedreht wurde, glaubt sie mit einem höchst windigen Scheinargument vom Tisch wischen zu können, das ziemlich eigenwillige Vorstellungen von intellektueller Redlichkeit verrät. Wichtige Regelteile kann die Kommission nur durch unsolide Umdeutung retten.
Es wird höchste Zeit, daß die Kultusminister die unausweichlichen Konsequenzen ziehen. Die Reform ist durch Selbstwiderspruch erledigt; die Kommission hat abgewirtschaftet und muß abtreten. Auf der Tagesordnung steht die Wiederherstellung einer brauchbaren Orthographie. Die Aufgabe ist leicht; nicht mehr ist vonnöten als der sprachwissenschaftliche Sachverstand, die sprachkünstlerische Erfahrung und die kritische Unbefangenheit unabhängiger Köpfe."
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Nachtrag
Rechtschreibreform verletzt die deutsche Sprache und Grundregeln der Demokratie
Beschluß des Freien Deutschen Autorenverbandes
Der FDA Landesverband Berlin hatte im Januar 2005 beschlossen, alle FDA Landesverbände aufzufordern, sich gegen die Durchsetzung der Rechtschreibreform zu wenden, die ab dem 1. August 2005 als verbindlich erklärt werden soll.
Dazu hat das Präsidium am 19. März 2005 beschlossen: Der Freie Deutsche Autorenverband empfiehlt im Interesse der deutschen Sprache und vor dem Hintergrund der deutlich verweigerten gesellschaftlichen Zustimmung zur Rechtschreibreform dem Urteil des Bundesverfassungsgerichts vom 14. Juli 1998 zu folgen, in dem es heißt: „Die Rechtschreibung beruht im deutschen Sprachraum nicht auf Rechtschreibnormen, sondern auf sprachlichen und damit außerrechtlichen Regeln, die auf Akzeptanz angewiesen sind“.
Diese Entscheidung wendet sich gegen eine ab dem 1. August 2005 administrativ festgelegte Rechtschreibung, die willkürlich den lebendigen Organismus Sprache verletzt; mit dieser Entscheidung erklärt sich der FDA solidarisch mit namhaften Schriftstellern, großen Verlagen und Zeitschriften.
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