Am vergangenen Freitag spielte das Arditti String Quartett im Hamburger Bahnhof. Daß es sehr voll werden würde, war klar, denn es gab einen Grund zum Feiern: 35 Jahre Berliner Künstlerprogramm des Deutschen Akademischen Austauschdienstes für die Bereiche Bildende Kunst, Literatur und Musik. Auf dem Programm standen Werke von Komponisten, die sämtlichst selbst einst zu den Stipendiaten des DAAD gehörten.
Der Konzertabend wird eröffnet mit den Five Small Pieces for String Quartett (1956) von La Monte Young, die - von Anton Webern inspiriert - bereits Elemente des Stils enthalten, die das spätere Werk La Monte Youngs als Wegbereiter des Minimalismus kennzeichnen. Darauf folgt Minyo (1997) von Kotoka Suzuki, einer 1971 in Japan geborenen Komponistin, die in diesem Jahr Gast des Berliner Künstlerprogramms des DAAD ist. Minyo ist eine aus fünf Sätzen bestehende, von japanischer Volksmusik beeinflußte Komposition, die Assoziationen an traditionelle japanische Instrumente weckt wie Wölbbrettzither, Laute und Trommel. Zeit und Raum werden in For Four (1987) von John Cage auf besondere Weise erfahrbar. Um diese Komposition, die eigens für das Arditti String Quartett geschrieben wurde, aufführen zu können, begeben sich die Mitglieder des Quartetts mit ihren Instrumenten zu vier weit von einander entfernt aufgestellten Lesepulten, stellen ihre Stoppuhren synchron und beginnen zu spielen. Jede zu spielende Partie ist vom Komponisten für jeden einzelnen Musiker mit exakten Zeitangaben versehen, die mit Hilfe der Stoppuhren eingehalten werden. So bleiben die unterschiedlichen Parts transparent und fügen sich doch zu einem großen Ganzen.
Das erste Werk nach der Pause ist Akroate Hadal (1995) betitelt und stammt aus der Feder der 1968 in Graz geborenen Olga Neuwirth. Mit präparierten Cello- und Violinsaiten läßt das Arditti String Quartett atmosphärisch dichte Klänge, Schichtungen, auf einer harmonisch reduzierten Basis entstehen. James Tenneys Komposition mit dem Titel Harmonium #5 ist für ein Trio geschrieben und gehört zu einer Werkreihe für verschiedene Instrumentalbesetzungen. Charakteristisch an diesem Stück ist seine formale Struktur, die auf ein 1930 von John Cage erprobtes Modell zurückgeht. Den Abschluß dieses Konzerts bildet das Dritte Streichquartett (1987) des Briten Brian Ferneyhough, ein ursprünglich auf fünf Sätze angelegtes, aus zwei Teilen bestehendes Werk, das den Mitgliedern des Arditti String Quartetts gewidmet ist. Brian Ferneyhough hat über diese Komposition gesagt, die Komplexität gerade des zweiten Satzes sei dadurch bedingt, daß hier eine Anzahl von Sätzen zusammengepreßt und durch den Zusammenprall "beschädigt" wurde, so daß mindestens drei unterschiedliche Schichten eines Prozesses gleichzeitig ablaufen, auch wenn sie nur an gewissen Stellen "an die Oberfläche des Bereichs des Hörbaren" treten.
Das Arditti String Quartett wurde 1974 von Irvine Arditti, dem 1. Violinisten des Quartetts, gegründet. Seitdem wurden etwa 100 Streichquartette eigens für dieses Ensemble geschrieben, das zu seinem Repertoire vor allem die Musik des frühen 20. Jahrhunderts bis zur Gegenwart zählt. Von ganz besonderer Bedeutung für das Arditti String Quartett war immer auch die intensive Zusammenarbeit mit den Komponisten, deren Musik sie spielten und in vielen Fällen zur Uraufführung brachten. Zu den zahlreichen Preisen und Auszeichnungen, die sie eingespielt haben, gehören u. a. der Ernst von Siemens Musikpreis und der Gramophone Award für die beste Einspielung zeitgenössischer Kammermusik. Dem überwiegenden Teil des Publikums ist dies bewußt, und man bedankt sich für einen herausragenden Konzertabend mit lang anhaltendem, herzlichen Applaus.
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